Pleia und Palomina
Allrounderinnen...
Meine zwei Chueli sind Bio, behornt, geländegängig, der Rasse Original Braunvieh (OB) angehörig und repräsentieren damit in etwa das romantisierte Idealbild der Kuh-Schweiz. Sie wurden nicht wie moderne Kuhrassen einseitig entweder auf exorbitant hohe Milchleistung ("Milchmaschine"-Typ) oder auf übermässigen Fleischansatz ("Muskelpaket"-Typ) gezüchtet. Originalbraune Kühe geben mit durchschnittlich ca. 6000 kg pro Jahr ein physiologisch vertretbares Mass Milch und setzen ausgewogen Muskelmasse an. Deswegen werden sie als robuste Zweinutzungsrasse bezeichnet - Alleskönnerinnen, eben.
Zur Milchviehhaltung gehört auch, dass irgendwann Fleisch anfällt - vom gewachsenen Ochsen oder der älteren Kuh, die vielleicht nicht mehr trächtig wird. Mit diesem Sachverhalt soll allerdings nicht der exzessive Fleischverzehr legitimiert werden, den Otto-Normal-Karnivor in Heidiland mit über 50 kg pro Jahr praktiziert. Ein ökologisch und klimapolitisch vertretbares Mass wäre das Nose to tail-Stück, gefühlt höchstens einmal in der Woche.
Melken, Mästen, Schlachten - das klingt alles sehr verdinglichend. Und in der Tat ist es ethisch nicht leicht begründbar, woher wir das Recht nehmen, ein beseeltes Lebewesen zu nutzen. Dennoch gibt es entscheidende qualitative Unterschiede: Werden Kühe nur als Produktionsmittel genutzt - oder kann eine Mensch-Tier-Beziehung entstehen, die den Kuh-Persönlichkeiten Rechnung trägt? Müssen Kühe auf Teufel-komm-raus Milch oder Fleisch "produzieren" - oder werden ihre wesensspezifischen Bedürfnisse in der Haltung berücksichtigt? Ganz fair bzw. partnerschaftlich ist der Deal zwischen BäuerIn und Kuh zwar nie. Was ich aber garantieren kann: auf der Alp Barwengen verbringen meine Chueli den Sommer so wesensgerecht, wie das für ein zeitgenössisches Kuhleben überhaupt möglich ist....mit Horn
Dass Pleia und Palomina ihre Hörner tragen dürfen, ist Judith und David im Oberwallis zu verdanken, auf deren Biohof die zwei Chueli zur Welt gekommen sind und aufwuchsen. Obwohl nach Bio Suisse Richtlinien das Enthornen erlaubt ist, sehen die beiden BiobäuerInnen davon ab und nehmen in Kauf, dass sie weniger Kühe in ihrem Freilaufstall halten können.
Kuhhörner haben nicht nur einen ästhetischen Wert. Das Horn ist ein durchblutetes, von Nervenzellen durchzogenes Organ. Wer schon einmal ein Kuhhorn angefasst hat, weiss, dass es warm ist. Zudem ist das Horn ein Kommunikationsmittel: Über die Stellung der Hörner zum Körper vermittelt eine Kuh zum Beispiel Dominanz gegenüber einer Artgenossin – und verhindert so in der Regel eine Konfrontation. Entgegen einer weit verbreiteten Meinung ist das Horn also nicht einfach eine gefährliche Waffe – obwohl ein unachtsamer Umgang mit behornten Kühen buchstäblich ins Auge gehen kann. Hörner dienen ausserdem der Körperpflege, etwa zum Kratzen. Es kommt vor, dass sich eine Kuh am Horn einer Freundin ihr Auge ausreibt.
Bildgebende Methoden zeigen, dass die Kristallstrukur der Milch von behornten Kühen im Vergleich zu derjenigen ihrer hornlosen Artgenossinnen dichter und harmonischer ist. Dies lässt vermuten, dass das Horn auch bei der Verdauung und beim Stoffwechsel der Kuh eine Rolle spielt.
Das Winterhalbjahr verbringen Pleia und Palomina auf dem Biohof Guglera (der zugleich mein Arbeitsort ist) in einem
Old-School-Mittelklassehotel mit Vollpension. Während der Sommermonate
dürfen sie den subalpinen Rasen der Alp Barwengen abgrasen. Im Winter wird
den Chueli eine Ruhezeit von mehreren Wochen vergönnt: Das Melken wird
eingestellt, damit sich das Eutergewebe vor der nächsten Abkalbung
regenerieren kann. Das Ferienprogramm bis zur
Geburt besteht dann nur noch aus Fressen, Saufen, Wiederkäuen, Liegen,
Kacken und Brunzen.